Deutsch-türkische Freundschaft

Deutsch-türkische Freundschaft

Mittwoch, den 25. Juni 2008 von ()

Heute spielt ja unsere Nationalmannschaft gegen die Türkei. Da erinnere ich mich doch gerade an ein Erlebnis meiner Studienzeit:

Wir Deutschen lernten während des Studiums oft jeder für sich alleine, manchmal aber auch in einer Kleingruppen. Es entwickelten sich lose Freundschaften und Arbeitsteams. Wenn dann der Tag der Prüfungen näher kam, lösten sich jedoch so langsam unsere Freundschaften auf und wir wurden zu Konkurrenten.

Etwas merkwürdig fand ich hierbei immer die Ecke rechts hinten in der Mensa. Das war die Türkenecke. Hier trafen sich immer alle Türken, gleich welcher Fachrichtung sie angehörten. Da mir dieser „orientalische” Bereich jedoch sehr fremd war, hielt ich mich lieber ein wenig fern.
Doch eines Tages sollte sich dies ändern. Ich trank schon immer gerne türkischen Kaffee, wusste jedoch nicht, wo ich diesen beziehen konnte, geschweige denn, wie man ihn zubereitete. An diesem Tage stand also ein türkischer Student alleine auf dem Hof und ich dachte mir, dass dies der geeignete Zeitpunkt wäre, ihn anzusprechen. Ich wollte von ihm einfach nur wissen, woher ich diesen Kaffee bekommen kann und wie ich ihn zubereiten sollte.

Am nächsten Tag, ich dachte bis dahin, es wäre ein Tag wie jeder andere, wollte ich gerade in die Mensa gehen und gemütlich das fast ungenießbare Essen, das dort serviert wurde, hinunterschlingen. Doch wie aus dem nichts kamen vollkommen unverhofft aus allen Richtungen wild gestikulierende Türken auf mich zu. Ich dachte, meine letzte Stunde hätte geschlagen. Was hatte ich nur getan? Nein, es kam vollkommen anders. Nasser, so hieß der junge Mann, den ich am Vortag angesprochen hatte, und all seine Freunde umringten mich in einer Nähe, die ich als deutscher nicht unbedingt gewohnt war. Noch ehe ich mich versah, war ich mit solch einer Menge Kaffee versorgt, dass ich mich für den Rest meines Lebens von nichts mehr anderem hätte ernähren müssen. Selbstverständlich bekam ich auch ein Service und eine spezielle Kanne dazu. Doch das war noch lange nicht alles, denn diese Jungs hatten sich auch allesamt von ihrer Mutter die Zubereitung ausführlichst erklären lassen. Also erklärten mir mindestens zehn Leute gleichzeitig, wie man Kaffee kocht.
„Du musst die Tasse mit kaltem Wasser voll machen und dann…”, fing der erste an zu erklären.
„Nein heißes Wasser muss es sein!”, fiel der zweite ihm ins Wort.
Solange diese beiden darüber diskutierten, wessen Mama den besseren Kaffe kochte, redete schon der nächste auf mich ein.
„Hoffentlich habe ich hier nicht den dritten Weltkrieg ausgelöst.”, schoss mir durch den Kopf.
Da jeder von ihnen das beste Rezept kannte, wurden die Erklärungen nun mit Lautstärke und hefteigen Gestikulierungen untermauert. Verletzt wurde dabei glücklicherweise jedoch niemand.
Nachdem ich mich von meinem Erlebnis erholt hatte, genoss ich den Abend mit meinem neuen Kaffee. Bis dahin dachte ich aber noch, dass nun wieder alles so war, wie vorher. Doch da hatte ich mich gewaltig getäuscht, denn das Ganze ging noch weiter. Alle aus der „Türkenecke” kannten von nun an meinen Namen und grüßten mich schon von weitem, wenn sie mich sahen. Ich gehörte auf einmal dazu! Natürlich freute ich mich sehr darüber, denn was gibt es schöneres, als sich willkommen zu fühlen? Aber auf der anderen Seite kam mir die ganze Sache doch etwas komisch vor.
Doch es kam noch besser. Vor den Klausuren wurde ich, ohne nachgefragt zu haben, mit „Unterlagen” versorgt, die uns Deutschen niemals zur Verfügung standen. Gott weiß, wo die Jungs diese Unterlagen her hatten, aber damit konnte man sich äußerst effektiv auf die Klausuren vorbereiten. Es war schon fast unheimlich, denn ich wurde von dieser Gruppe nicht als Konkurrent gesehen, sondern war ein Stück weit ein Teil dieser großen Familie. Ich war noch immer skeptisch, und suchte den Haken bei der Sache, aber wurde eines Besseren belehrt, denn es gab einfach keinen. Dieser immense Zusammenhalt hatte für diese Jungs aber nicht nur Vorteile während des Studiums, nein natürlich auch bei der Jobsuche danach. Für mich war es schier unglaublich, wie diese Großfamilie im Vergleich zu uns Einzelkämpfern zusammenarbeitete. Es schien jeder jeden zu kennen und wer sich korrekt verhielt, wurde weiterempfohlen.

Dass dieses sich gegenseitige Helfen, diese Unterstützung an sich schon immense Vorteile bringt, ist ja sicher jedem klar. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil dieses Zusammenhaltes ist jedoch die Kreativität. Im Kollektiv werden immer bessere Ideen geboren, als in einzelnen Gehirnen. Man inspiriert sich gegenseitig und wenn mal jemand an einer Stelle nicht weiterkommt, muss er sich nicht an dem Problem festbeißen, denn die Lösung ist von außen betrachtet oft so einfach. Gemeinsam ist man nicht nur stark, sondern auch kreativ.

Noch ein weiterer Vorteil, der sich aus diesem Zusammenhalt ergibt, der aber sicher nicht vielen bewusst ist, und somit leider viel zu sehr vernachlässigt wird, kann man auf neurologischer Basis erklären.
Schauen wir uns doch einmal an, was die Gehirnforschung zu diesem Thema sagt. Um körperlich und geistig so leistungsfähig wie möglich zu sein, benötigen wir zwei körpereigene Botenstoffe: Dopamin und endogenes Opioid, sprich körpereigenes Opium. Beides sind Hormone, die durch Freude und Verbundenheitsgefühle ausgeschüttet werden. Wenn wir uns also weiterentwickeln möchten oder unmittelbar auf unser größtmögliches Potenzial zurückgreifen möchten, wir also etwas lernen oder unser Gehirn aus einem anderen Grund „benutzen” möchten, ist es von großer Wichtigkeit, vorab diese beiden Botenstoffe auszuschütten. Wir müssen also Verbundenheit empfinden, uns dazugehörig fühlen und uns freuen – so einfach ist das.
Nun ja, dass Lernen Spaß machen und in einem angenehmen Umfeld stattfinden sollte, wissen wir auch ohne wissenschaftliche Experimente. In meinem Buch: „Erfolgsgefühle“, und in meinen Seminaren gehe ich auf dieses Thema sehr ausführlich ein.

Doch was hat dies mit der Geschichte zu tun? Um ein Verbundenheitsgefühl zu bekommen, ist es natürlich unglaublich hilfreich, ein starkes soziales Umfeld zu haben, also idealer weise ein unerschütterliches Bündnis mit vielen Menschen. Genau das ist es ja, wie wir oben gesehen haben, was vielen Türken gegebnen ist.

Das Umfeld alleine nutzt mir neurologisch gesehen allerdings noch gar nichts. Ich muss mir dessen bewusst sein, ich muss es fühlen. Es ist die Angst vor der Einsamkeit, vor dem Verlassenwerden, was einen zerfrisst. Wenn man jedoch in einem solch starken Umfeld lebt, fällt es sehr leicht, sich erwünscht zu fühlen und zu wissen, dass es immer Menschen geben wird, die für einen da sind. Diese Gewissheit ständig im Herzen zu tragen, schüttet genügend dieser beiden oben genannten Botenstoffe aus, um damit das Gehirn auf Höchstleistung zu bringen.
Wenn mir also immer klar ist, dass ich jederzeit einer Gruppe angehöre und damit ein festes Dazugehörigkeitsgefühl in mir trage, geht es mir nicht nur gut, sondern mein Gehirn arbeitet nachgewiesenermaßen deutlich effektiver. Mit dieser Leistungssteigerung ist man dann zum einen in der Lage, sich best möglich weiter zu entwickeln, zum andern aber auch, deutlich öfter die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist ja schließlich die Summe der richtigen Entscheidungen, die uns erfolgreich machen. Auch die Intelligenz und Kreativität an sich werden durch diese Emotionen nachweislich unmittelbar verbessert.

Aber noch mal, um diesen Vorteil nutzen zu können, ist es von großer Wichtigkeit, sich dieses Zusammenhalts ständig bewusst zu sein, somit möglichst viel Freude und Verbundenheit zu erleben um dadurch diese Botenstoffe, die uns nicht nur glücklich, sondern auch erfolgreich machen, auszuschütten.

Der Zusammenhalt, den ich persönlich mit meinen türkischen Freunden damals erlebte und heute durch meine Projekte in der Türkei wieder erleben darf, begünstigt also das persönliche Glück und den Erfolg in einem Ausmaße, wie es den wenigsten bewusst ist. Hierin steckt ein gewaltiges Potenzial, das heute leider noch bei vielen brach liegt, das aber unbedingt freigelegt werden sollte.

Das Motto des heutigen Spieles hat aus meiner Sicht ein junger Türke in einem Interview nach dem letzten Sieg der Türkei genannt: “Ich freue mich auf das Spiel gegen Deutschland und es ist egal wer gewinnt. Der Gewinner soll dann Europameister werden!”.

So, ich wünsche mir also für heute Abend, dass in erster Linie die Freundschaft gewinnt!

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Eine Reaktion zu “Deutsch-türkische Freundschaft”

  1. Andrea

    Ein ähnlich schönes Zitat habe ich heute von einem Türken im Radio gehört, der zuerst wetterte, wenn die Deutschen gewinnen, würden ab morgen seine Döner hier 2,- Euro mehr kosten – sein Abschlusssatz war dann aber: “Ach, was soll´s, als Türke in Deutschland gewinne ich heute doch so oder so!” – Schön, so etwas zu hören, und die unzähligen doppelt beflaggten türkischen Autos derzeit zu sehen!

    Danke für den schönen Beitrag, der mich an ein Schachspiel erinnert hat, welches mich auf einer kaum seetüchtigen, rostigen Fähre über die 35 km breite und 300 Meter tiefe Straße von Lombok gerettet hat, auf der einen Seite, auf die Schiffsplanken gekauert, unser “Gegner”, auf der anderen wir als Touristen, beide Seiten hochkonzentriert, und beide Seiten von unzähligen johlenden und – beiden Seiten! – Tipps abgebenden Muslimen umringt – leider haben wir kein Wort verstanden, aber Schach ist ja zum Glück auch ein internationales Spiel und so haben wir unter lauten Jubel der Einheimischen gewonnen!

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