Bedürfnisse und Strategien
Dienstag, den 20. Mai 2008 von Frank FäderIn der letzten Woche habe ich in dem Beitrag Ach zwei Seelen wohnen in meiner Brust geschildert, wie wir uns Problemerleben konstruieren: Eine eher unwillkürliche Seite drängt auf die Erfüllung eines Bedürfnisses mit einer Strategie, die dem Bedürfnisses einer eher willkürlichen Seite entgegensteht. Das Erleben wird dann im Allgemeinen so beschrieben: „Ich tue etwas, obwohl ich es eigentlich gar nicht will.” Problemerleben lässt sich also als ein innerer Zielkonflikt begreifen.
Wieso „gewinnt” dann aber irgendwie immer die unwillkürliche Seite? Das lässt sich neurobiologisch in kurzen Worten anhand des so genannten Gesetzes der synaptischen Plastizität (von Donald O. Hebb) erklären. Wikipedia: „Je häufiger ein Neuron A gleichzeitig mit Neuron B aktiv ist, umso bevorzugter werden die beiden Neuronen aufeinander reagieren (”what fires together, wires together”).” Der evolutionäre Sinn hinter diesem Gesetz ist das Lernen. Was man in einem Kontext häufiger tut, geschieht dann irgendwann ganz automatisch, d.h. ohne, dass ich es bewusst abrufen muss - eben unwillkürlich. Das ist auch extrem nützlich. Stell dir nur mal vor, du müsstest beim Autofahren noch immer wie in der ersten Fahrstunde jede einzelne Handlung (Schalten, kuppeln, bremsen, schauen, blinken etc.) bewusst überlegen, entscheiden und durchführen.
Währenddessen die Strategie dieser Bedürfnisse uns unmittelbar bewusst ist (sie ist es ja, die uns stört), haben wir zu dem dahinter stehenden Bedürfnis in der Regel weniger Kontakt. Nicht selten kommen daher Klienten zu mir mit dem nachvollziehbaren Wunsch, dieses Verhalten einfach „weg haben zu wollen.” So sehr ich das verstehen kann, so kontraproduktiv ist es in den meisten Fällen; wiederholt es doch nur den Lösungsversuch, den der Klient/ die Klientin schon x-mal, in der Regel mit wenig Erfolg, vorher probiert hat.
In solchen Fällen frage ich meine Klienten zunächst, was denn stattdessen da sein soll. Allein diese Frage bewirkt bereits eine intensive Umfokussierung der Aufmerksamkeit auf das Gewünschte. Es ist nicht möglich, sich die Abwesenheit von etwas vorzustellen. Beispiel: Stell Dir bitte jetzt vor wie es ist, keine Schokolade zu essen. Merkst du, was ich meine?
Ein Stattdessen könnte sein: „Ich ernähre mich gesund.” In diesem Stattdessen findet sich oft schon der Hinweis auf das Bedürfnis, was hinter der Ablehnung des unwillkürlichen Verhaltens steckt. Es lohnt sich, zu hinterfragen, was dann anders wäre, um ggf. noch dahinter stehende Bedürfnisse zu erfahren. In unserem Falle könnte es zum Beispiel eine schlankere Figur sein, als Mittel für soziale Anerkennung, oder dem Wunsch nach Zweisamkeit. An einem inneren Gefühl der Stimmigkeit wirst Du mit einer gewissen Zuverlässigkeit erkennen, wann Du an deinem für diesen Fall wichtigsten Bedürfnis angekommen bist. Und du wirst merken, dass dieses Bedürfnis immer ein zutiefst positives ist. Solltest du dieses Gefühl noch nicht haben, ist das ein verlässlicher Hinweis dafür, dass du noch weiter fragen solltest.
Das ist aber nur die halbe Miete. All zu oft schlagen wir uns parteiisch auf die Seite nur dieses bewussten Wunsches und missachten dabei die andere Seite in uns; jenes Bedürfnis, das zu der unwillkürlichen Strategie führte. Das ist ungefähr so, als würde man in einer Partnerbeziehung nur auf seine eigenen Wünsche achten. Wer das einmal erlebt hat, weiß, wie lange so etwas gut geht.
Wie wir in bereichender Art und Weise mit diesem inneren Partner umgehen, dazu mehr in der nächsten Woche.
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Am 20. Mai 2008 um 18:11 Uhr
Hallo lieber Frank,
jetzt weiß ich auch was du so den lieben langen Tag so treibst….Beiträge schreiben. Nun finde ich gut! Und es ist eine willkommenes “Refreshing” des mir schon bekannten aber schon wieder verdrängten. Freu mich auf weiter Lebenszeichen von Dir!!!
Sebastian
Am 27. Mai 2008 um 07:03 Uhr
[...] Serie über die Auflösung von Problemerleben (siehe Ach zwei Seelen wohnen in meiner Brust und Bedürfnisse und Strategien) gehe ich heute auf den Umgang mit den Bedürfnissen ein, die sich in der eher unwillkürlichen [...]
Am 3. Juni 2008 um 06:29 Uhr
[...] ja, wenn ich könnte, der wiederum auf den Beiträgen Ach zwei Seelen wohnen in meiner Brust und Bedürfnisse und Strategien beruht.Wir waren stehen geblieben dabei, dass wir zwei sich widersprechende Strategien hatten, die [...]