Ausgleich und Fülle
Freitag, den 21. November 2008 von Frank FäderWir haben in unserer Kultur gelernt, dass es wichtig ist darauf zu achten, einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen anzustreben. Nicht zuletzt findet sich dieses Denken auch in unserer systemischen Arbeit geradezu täglich wieder. Dennoch lohnt es sich, so meine ich, den Blick darauf zu richten, dass auch ein solches Denken lediglich eine Gedankenkonstruktion ist.
Man hat uns schon früh beigebracht, in Knappheitskategorien zu denken; die sogenannte „Knappheit der Ressourcen” ist geradezu die Prämisse marktwirtschaftlich orientierter Systeme. Aus diesem Mangeldenken heraus ist der Wunsch nach Ausgleich ebenso berechtigt, wie sinnvoll.
Ganz anders stellt sich die Situation jedoch dar, wenn es mir gelingt, davon auszugehen, dass die Welt aus Fülle besteht. So bedanken sich in Thailand zum Beispiel Mönche nicht für ein Almosen. Sie gehen davon aus, dass sie dem Geber ermöglichen, etwas Gutes zu tun. Wer gibt und wer nimmt, ist also abhängig von der Betrachtungsweise. Die Sichtweise der Beschenktheit und der Fülle impliziert, dass genug für alle da ist. Sie macht weit. Es ist mir dabei wichtig zu betonen, dass dies ebenso ein Gedankenkonstrukt ist, wie die Vorannahme des Mangels. Es geht mir auch nicht um Wahrheit, sondern darum, mit welcher Gedankenkonstruktion wir unser Leben schöner gestalten können.
„Die Welt des Glücklichen ist eine andere, als die des Unglücklichen.” schloss der geniale Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus und meinte damit unter anderem vermutlich genau das.
Aber achtung, auch hier sei wieder gewarnt: Ich rede hier nicht das Wort für eine falsch verstandene „Geben ist seeliger denn Nehmen”-Mentalität. Wenn sogenannte Geschenkkreise (nichts anderes in ein spirituelles Gewandt gehüllte Schneeballsysteme), Sekten oder ähnliche vermeintliche Heilsbringer propagieren, dass du nur dein Geld abliefern und in die Welt, Gott, den heiligen Gral oder wen auch immer vertrauen musst, um reich beschenkt zu werden, dann hat das mit dem, was ich hier meine, nicht das Geringste zu tun. Und wenn du genau hinschaust, wirst du hier sowohl auf Täter und Opfer Seiter eine pure auf den Mangel ausgerichtete Denkweise erkennen.
Vielleicht probierst du ja mal hier und mal dort, zuerst an kleinen Situationen, wie es sich anfühlt, so zu tun, als ob die Welt aus Fülle besteht. Hier mal ein nettes Wort für deine Mitmenschen, dort eine kleine Hilfestellung, lass dir einfach was einfallen. Ich bin mir sehr sicher, dass es dich erfüllen wird.
Ich wünsche dir ein beschenktes Wochenende.
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Am 24. August 2010 um 22:54 Uhr
Mensch Frank,
haste den Dr. in phil. denn doch noch jeschafft ?
meld’ dich mal, alte Kackbratze !
Thorsten Bolte