Rückfall oder Ehrenrunde?
Freitag, den 26. September 2008 von Frank FäderKennst du das: Du hattest mal eine blöde Angewohnheit (z.B. Rauchen, übermäßiges Schokolade essen, Nägel kauen etc.), eine störende Denkweise (z.B. Selbstzweifel, Perfektionismus, usw.) oder unangemessene Gefühle in speziellen Situationen (wie Eifersucht, Lampenfieber, Ängste usw.)? Und du hast genau das schon eine ganze Weile nicht mehr gehabt, meinst das Thema für dich gelöst zu haben, und auf einmal taucht genau das gleiche Symptom wieder auf? Nicht selten geht man dann in seinen inneren Dialogen wenig freundlich mit sich um, leider sogar oft gefolgt von der Schlussfolgerung, man würde es ja doch nicht schaffen und müsse sich dem Symptom halt hingeben. Tragisch an der Geschichte ist, dass ein solches Denken weiterhin sogar in einigen Suchttherapieauffassungen anzutreffen ist, ignoriert es doch mit bewundernswerter Konsequenz die Forschungsergebnisse in der modernen Neurobiologie.
Ich habe schon viel über den Prozess geschrieben, wie wir im Coaching und in unseren Strukturaufstellungen mit solchen leiderzeugenden Mustern umgehen, deshalb hier nur kurz zusammengefasst: Wir finden heraus, welches anerkennenswerte Bedürfnis hinter dem Symtom steckt und ersetzen die Erfüllung dieses Bedürfnisses durch ein neues konstruktiveres Muster. Das Aktivieren dieses Musters muss jedoch gelernt werden. Wir unterbrechen dabei das alte Muster und aktivieren stattdessen das neue Muster.
Ganz wichtig: Das alte Muster kann aus neurobiologischer Sicht nicht gelöscht werden. Durch das Umschalten auf das neue Muster wird es lediglich durch höhere Hirnregionen aktiv gehemmt und kommt somit nicht mehr in den Arbeitsspeicher. Soll heißen, es beeinflusst nicht mehr unser Erleben. Dennoch läuft es im Gehirn weiterhin ab. Verlernen ist also nicht löschen, sondern aktives hemmen. Diese Erkenntnis kann als mittlerweile solide gesichert angesehen werden.
In gewissen emotional anspruchsvollen Situationen (Stress, Überforderungen, Trauer etc.) kann es vorkommen, dass dieser Mechnismus nicht mehr greift, d.h. die Hemmung fällt weg, und das alte Muster beeinflusst wieder unser Erleben. Das jedoch als Rückfall zu interpretieren ist zumindest sprachlich ungünstig, es jedoch als Beweis dafür zu nehmen, versagt zu haben, und es einfach nicht zu schaffen, ist aus o.g. Gründen nachweislich falsch.
Was bedeutet das jetzt für unsere Ausgangsfrage? Solltest du gerade in einem derartigen Veränderungsprozess sein, dann rechne bitte auf jeden Fall damit, dass solche Ehrenrunden (ein für mich wesentlich passenderer Ausdruck) passieren können und werden. Es ist Teil des Veränderungsprozesses. D.h. dein Ziel sollte nicht sein, das alte Muster nie mehr, sondern lediglich immer weniger zu erleben. Gerätst du in eine solche Ehrenrunde, werte sie als ein wertvolles Feedback über ein sich gerade zeigendes Bedürfnis. Du wirst staunen, wie zuverlässig dieses “Alarmsystem” funktioniert, wenn du es nur in dieser Art und Weise beginnst zu verstehen.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
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Am 26. September 2008 um 10:06 Uhr
Hallo,
beim Lesen deines Artikels hatte ich grad echt das Gefühl das Du über mich schreibt. Ich kenne das nur zu gut.
Ein Syptom, das länger nicht da war, ist wieder mal aufgetaucht. Ich sag schon “Nessi” dazu, das es immer ganz unerwartet auftritt.
Aber es als Ehrenrunde anzusehen hat schon was!
LG Marion
Am 26. September 2008 um 17:08 Uhr
Hey, Nessi ist doch ein schöner Name für ein Symptom, klingt ja regelrecht liebevoll. Also liebe Marion, genieße deine Ehrenrunden (und das meine ich durchaus ernst) und liebe Grüße an dich und Nessi.
Frank
Am 13. Oktober 2009 um 09:39 Uhr
Hallo, eine schöne Darstellung. Ich bin Kommunikationscoach für Hunde und Menschen. Genau das Thema, dass unser Gehirn alte Wege - ich nenne sie gerne baufällige Autobahnen - langsam vergißt und neue Wege wählt, kennen wir auch sehr gut aus dem Hundetraining. In Stress-Situationen fällt der Hund in altes Verhalten zurück - und sind wir nicht alle ein bischen Hund…?
LG Bettina