Bei mir sein

Bei mir sein

Freitag, den 5. September 2008 von Frank Fäder

Seit gestern begleite ich mal wieder eine NLP Master Ausbildung, und am ersten Tag ging es unter anderem darum, was die Teilnehmer als ihren persönlichen Herzenswunsch für die Ausbildung einbringen. Einer der Masteraspiranten sagte dann: “Ich will mehr bei mir sein.”, woraufhin unser Trainer Tom sofort intervenierte. Da dieses “Bei mir sein” von sehr vielen Menschen als erstrebenswert angesehen wird, möchte ich dir folgenden Gedanken gerne für das Wochenende anbieten.

Es hört sich zunächst nur an, wie eine sprachliche Feinheit, ist aber deutlich mehr: Wenn ich sage “Ich will bei mir sein”; wer ist denn dann beim wem? Wer ist dabei “ich“? Und wer ist “mir“. Und woran erkenne ich denn, dass ich bei mir bin? Irgendwie scheinen da ja zwei zu sein, was, wie ich meine, dem eigentlichen Wunsch ja irgendwie widerspricht. Prüfe doch einfach mal, wie du dir “bei mir sein” innerlich vorstellst. Siehst du das “ich” von außen, das “mir“, oder beide? Wenn eines davon zutrifft, dann würde allein diese Vorstellung dazu führen, dass du dein Ziel möglicherweise nicht erreichst. Das wäre in etwa so, als würdest du von außen, z.B. durchs Fenster, in deine Wohnung schauen, um zu überprüfen, ob du schon da bist.

Unsere Sprache wirkt maßgeblich auf unsere Vorstellungen von der Welt ein und umgekehrt. Welche Formulierung könnte also besser passen? Tom schlug dem Teilnehmer, der diesen Herzenswunsch äußerte, folgende Worte vor: “Ich möchte bei der Welt sein.” Eine andere Möglichkeit wäre “Ich möchte das Leben erfahren.”, oder auch einfach soetwas wie “Ich möchte leben.” Es gibt wahrscheinlich unendlich viele Möglichkeiten, eine hinreichend gute Formulierung zu finden: Prüfe einfach für dich, was sich für das, was du eigentlich willst, am besten anfühlt.

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5 Reaktionen zu “Bei mir sein”

  1. Jutta

    Interessanter Gedanke und irgendwie wahr. “Ich will leben” hört sich gut an. Freue mich auf weitere “Erinnermichs” ;-))

    Liebe Grüße
    Jutta

  2. Maria

    “Bei mir sein” klingt vielleicht nicht nah genug. “In mir sein” trifft es für mich genauer, denn es geht darum, im Körper zu sein. Puja Richardson sagte uns in einem wunderbaren Seminar: “Wahre Entspannung besteht darin, Bewusstsein in den Körper zu bringen. Unser Körper ist unsere Verbindung zum Jetzt.”

    Hierzu gibt es eine schöne Übung: Man schließe die Augen und verankere das Bewusstsein (die Wahrnehmung) in einer Stelle des Körpers (unterhalb des Kopfes), die einem dafür richtig erscheint. Man betrachte sich mit geschlossenen Augen von innen, die Innenwelt. Dann öffne man ganz ganz langsam die Augen, so dass man die Außenwelt mit in die Innenwelt mitnehmen kann. Sobald der Kontakt zum Körper-Anker verloren geht, schließt man die Augen wieder, lässt sie geschlossen, bis die Innenwelt wieder fühlbar ist, und öffnet sie dann wieder sehr langsam.
    Die Übung besteht darin, die Augen nach außen zu öffnen und dabei gleichzeitig in der Körperwahrnehmung zu bleiben. Das führt direkt ins präsent, oder “bei sich” sein. (Wie man es nennt, ist in diesem Zustand nicht mehr wirklich relevant.)

  3. Frank Fäder

    Liebe Maria,

    da sprichst du mit zu einem gehörigen Teil aus dem Herzen. Zu spüren und zu fühlen lässt uns wieder mehr wir selbst sein. Nicht zuletzt ist es eine wichtige Arbeit bei Traumapatienten, diese Fähigkeit wieder zu trainieren. (Siehe dazu auch Eugene Gendlins Focusing.)

    Das “ich will in mir sein” oder “ich will bei mir sein” halte ich deshalb nicht für optimal, weil die Sprachfigur zwei Wesenseinheiten suggeriert und zu einer entsprechenden inneren visuellen Repräsentation einlädt, die eher verhindert, dass wir fühlen, da dass “ich” sich vom “mir” eher dissoziiert.

    Wenn du allerdings in diesem Zustand bist, dann besteht für diesen Moment in der Tat keine Notwenidgkeit mehr, dem einen Namen zu geben.

  4. Martin Buber Zitat | Sonstiges

    [...] Anlehnung und Ergänzung an meinen Beitrag Bei mir sein vom letzten Freitag möchte ich dir heute ein ebenso kurzes wie inhaltsreiches Zitat des [...]

  5. Maria

    Hallo Frank, mir fällt es tatsächlich ziemlich schwer, auf diese Art “nach Hause” zu kommen. (Um es jetzt noch mal mit dem gut/böse Bild von M. Buber auszudrücken. Du siehst jedenfalls, ich lese mit ;-).

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