Von der Selbsterniedrigung zum Selbstwert
Dienstag, den 2. September 2008 von Frank FäderUnd wiedereinmal möchte ich heute den Ball aus Thomas’ gestrigem Beitrag aufnehmen…
In seinem Buch “…trotzdem Ja zum Leben sagen” schildert der Wiener Psychologe Viktor Frankl seine Erlebnisse im Konzentrationslager. Das Ausmaß an menschlicher Demütigung in diesen Lagern ist für uns wohl kaum vorstellbar. Dennoch schreibt er auf Seite 108:
Wer von denen, die das Konzentrationslager überlebt haben, wüsste nicht von jenen Menschgestalten zu erzählen, die über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch nur wenige gewesen sein - sie haben Beweiskraft dafür, dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte innere Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein “So oder So”.
Dabei spricht er m.E. genau über das, was Thomas mit “Du musst bei DIR bleiben.” meint. In der Auopoiesetherorie sagt man: “Es gibt keine instruktive Interaktion”. Das heißt, dass niemand uns von außen aufzwingen kann, wie wir denken, fühlen usw. Grundsätzlich ist das natürlich richtig, und es ist manchmal alles andere als leicht. Die Tendenz, sich selbst zu erniedrigen, ist sehr oft ein gelerntes Muster, um sich vor immer wieder kehrenden Enttäuschungen zu schützen.
Beispiel: Ein Kind, das immer wieder versucht, die Bindung zu seiner Mutter herzustellen, und dabei immer wieder schmerzliche Zurückweisung erfährt, neigt zu der Schlussfolgerung, dass es nicht wert sei, besser behandelt zu werden. Das fühlt sich zwar nicht gut an, ermöglicht aber zweierlei: Erstens, die Hoffnung, dass es die Situation selbst ändern könne, also ein gewisses Gefühl von Kontrolle; zweitens den schon angesprochenen Schutz vor schmerzlichen Verletzungen: “Wenn ich mich selbst abwerte, kann es kein anderer mehr tun.” Das Bedürfnis nach Selbstwert wird dabei den Bedürfnissen nach Kontrolle und dem Vermeiden schlechter Gefühle quasi geopfert.
Was also tun sprach Zeus? Im Gegensatz zu Kindern haben wir Erwachsenen die Möglichkeit, unser Handeln und das anderer Menschen auf einer wesentlich breiteren und bewussteren Basis einzuschätzen. Behandelt uns jemand auf eine (scheinbar) demütigende Art und Weise, ist es fast sicher, dass die alten und im Gehirn gut gebahnten Muster zunächst einmal anspringen. In diesem Moment ist es wichtig zu erkennen, dass dies ein Hilferuf einer deutlich jüngeren Version in uns ist. Auch das ist nicht immer leicht und bedarf in der Regel verschiedener Techniken der Musterunterbrechung, wie wir sie in der Coachingarbeit entwickeln. Das ist wichtig, damit auf ein neues Muster “umgeschalten” werden kann. Zum Beispiel auf eines, in dem ich bereits gut gelernt habe, bei mir zu bleiben. Interessanterweise sind diese Ausnahmen vom Problemmuster immer vorhanden und müssen “nur” aktiviert werden. Bei diesem neuen Muster müssen wir nun noch darauf achten, dass die o.a. Bedürfnisse nach Kontrolle und dem Vermeiden von Enttäuschung in gleicher oder besserer Art und Weise erfüllt werden, als durch das alte Muster.
Wie ich schon in meinem letzten Artikel geschrieben habe, sind solche Veränderungen durchaus herausfordernd, aber aus eigener Erfahrung und tiefster Überzeugung kann ich sagen, dass sie extrem lohnenswert sind.
Ebenfalls interessant:
Weitere Artikel zu den Tags: Autopoiese, Muster, Selbsterniedrigung, Selbstwert
- Rückfall oder Ehrenrunde?
- Selbsterniedrigung
- “Weg von” oder “Hin zu”?
- Fußball-EM und Motivation
- Emotionstraining und Selbstannahme




Am 2. September 2008 um 07:07 Uhr
Sag ich doch
Am 13. September 2008 um 11:48 Uhr
Da kann ich Dir bei deinem Artikel nur zustimmen.
LD Marion Schuster