Lieber Thomas, da hast du mir ja mit deinem letzten Beitrag eine Vorlage geliefert. Es juckt mir in den Fingern, mich ausgiebig über eines meiner Lieblingsthemen, “Alltagstrancen und hypnotische Kommunikation in Werbung und Gesellschaft” auszulassen, wenn das hier nicht den Rahmen sprengen würde. Aber ein paar Dinge möchte ich schon zum besten geben:

Eine der allgemeinsten und zugleich am wenigsten mystisch anmutenden Beschreibungen für Trancephänomene ist der, der “unwillkürlichen Aufmerksamkeitsfokussierung”. Unser Leben wäre ohne diese Phänomene nicht denkbar. Ohne auch nur die geringste bewusste Ahnung zu haben wie wir es genau tun, machen wir den ganzen Tag faszinierende Dinge: Wir stehen auf, laufen rum, setzen uns hin, reden, finden dabei (manchmal) die richtigen Worte, folgen der Grammatik, essen, trinken, arbeiten, fahren Auto, kommen auf Ideen, versinken in Gedanken, erinnern uns an Vergangenes, verlegen unseren Schlüssel, ärgern uns, freuen uns, haben Angst, weinen, lachen und so weiter und so fort. Und das in den aller meisten Fällen, ohne bewusst darauf einzuwirken. “ES” passiert ganz unwillkürlich. Schon beeindruckend, wir Menschen, nicht wahr?

All diese “Tätigkeiten” haben wir irgendwann in unserem Leben so gut gelernt, dass sie uns wie von selbst von der Hand gehen. Man kann sie als (Alltags)trancen oder -hypnosen bezeichnen, die durch bestimmte äußere oder innere Reize angetriggert werden. In der überwiegenden Anzahl der Fälle ist das eine extrem hilfreiche Geschichte, die aber natürlich auch Nachteile mit sich bringt. Nämlich genau dann, wenn ein unwillkürlicher Prozess ausgelöst wird, den wir als hinderlich erleben.

Auch die Tätigkeit, ein Selbstbild zu entwickeln und abzurufen, haben wir irgendwann einmal gelernt und “automatisiert”. Je nachdem, ob dieses Selbstbild eher positiv oder eher negativ ist, geht es mit entsprechenden Gefühlen und Verhalten unseren Mitmenschen gegenüber einher. Diese reagieren wiederum auf mich in einer dazu passenden Weise, und wir werten ihre Reaktion in aller Regel als Bestätigung für das vorhandene Selbstbild. Wird dieses Muster als hinderlich erlebt, sprechen wir von einer Problemtrance.

In der hypnotherapeutischen Arbeit geht es nun im Großen und Ganzen darum, unseren Klienten aus der Problemtrance heraus und in eine Lösungstrance hinein zu führen. Das ist möglich, aber oft alles andere als trivial. In diesem Falle würden wir zunächst daran arbeiten, dass unser Klient in kleinen Schritten ein positiveres Selbstbild entwickelt. Kleine Schritte deshalb, weil es fast immer der Fall ist, dass durch ein solch verändertes Selbstbild negative Auswirkungen in anderen Lebensbereichen befürchtet werden. Hier ist Vorsicht und Respekt oberstes Gebot, um den Erfolg auf sichere Beine zu stellen. In einem weiteren Schritt würden wir damit beginnen, unseren Klienten dabei zu unterstützen, in Situationen, in denen früher das negative Selbstbild abgerufen wurde nun unmittelbar auch das positive Bild entwickeln zu lassen, bis es  mehr und mehr in Fleisch und Blut übergeht, und das positive Bild schließlich genauso zuverlässig abgerufen wird, wie früher das hinderliche. Schließlich würden wir neue Strategien anbieten, die dazu beitragen, dass sich das neue Selbstbild festigt und ausbaut. Auf das jetzt zum Positiven geänderte Verhalten und Erscheinungbild des Klienten reagieren die Mitmenschen nun natürlich anders; und jetzt bestätigen diese Reaktionen das neue Selbstbild. Das Muster ist geändert, und wir sprechen von einer Lösungstrance.

Früher war man der Meinung, dass solche Interventionen am Bewussten vorbei geführt werden sollten (man hielt es für rigide und störend), also versuchte man es durch sogenannte Konfusionstechniken abzulenken. Glücklicherweise arbeitet man heute anders und nutzt bei der Arbeit das Bewusste als wichtige Ressource. Die Vorstellung, dass eine hypnotherapeutische Sitzung daraus besteht, eine Stunde lang nichts mitzubekommen, und danach ist dann alles gelöst, können wir also getrost ins Reich der Mythen verbannen.

Wie ihr vielleicht gemerkt habt, liegt mir sehr viel daran, diese Arbeit zu entmystifizieren. Wir tun dabei nichts anderes, als völlig natürliche und alltägliche Prozesse gezielt, als kunstfertiges Mittel zur Verringerung menschlichen Leidens, einzusetzen. Die neurobiologischen Korrelate dieser Vorgehensweise sind inzwischen übrigens sehr gut erforscht, und es ist äußerst faszinierend, wie präzise sie diese hypnotherapeutische Vorgehensweise untermauern.

Jetzt sind es doch ein paar Worte mehr geworden. Und es hat Spaß gemacht :-)

Ebenfalls interessant:

Weitere Artikel zu den Tags: , ,


4 Reaktionen zu “Hypnose - Ein äußerst nützliches Alltagsphänomen”

  1. Thomas Klüh

    Hi Frank,
    zu dem Thema in kleinen Schritten: In dem Film wurde die Frau in einer Sitzung soweit gebracht, dass sie sich als schlank wahrgenommen hatte. Von außen betrachtet war das genial. Doch selbst in diesem Film ist genau das geschehen, was du hier beschreibst. Sie hat sich verhalten, wie eine schlanke Frau, obwohl sie es nicht war. Als sich dann die Hypnose auflöste und sie erkannte, dass sie die ganze Zeit nur einer Wahrnehmungsverschiebung unterlag, stürzte sie in eine Depression, weil sie sich für ihr Verhalten in Grund und Boden schämte.

  2. Frank Fäder

    Genau darum geht es dabei. Das Selbstbild trägt wesentlich zur Bewältigung des eigenen Lebens bei. Ein negatives Selbstbild wird häufig deshalb gebildet, weil wir damit Enttäuschungen, Blamagen usw. vermeiden wollen. So gelingt es, wenigstens eine gewisse Kontrolle über die eigene Gefühlswelt zu gewinnen, wenn auch zu einem hohen Preis. Das Selbstbild sollte also nur sehr vorsichtig und immer konsistent mit Erfahrungen in der Außenwelt geändert werden.

  3. muellersBlog » Blog Archive » Das Leben und seine Illusionen.

    [...] Kollege Frank Fäder nimmt die Vorlage gleich auf und informiert vertiefend über Trancephänomene [hier]. Beides sehr [...]

  4. Von der Selbsterniedrigung zum Selbstwert | Hypnose

    [...] ich schon in meinem letzten Artikel geschrieben habe, sind solche Veränderungen durchaus herausfordernd, aber aus eigener Erfahrung [...]

Einen Kommentar zu "Hypnose - Ein äußerst nützliches Alltagsphänomen" schreiben


Footer