Tandemsprung

Tandemsprung

Dienstag, den 13. März 2012 von Thomas Klüh ()

Unter „Angstmanagement” habe ich gesagt, dass ich mich dem Thema Angst widmen werde. Also musste ich mich erst einmal selbst einer großen Angst aussetzen, damit ich darauf basierend ein Konzept entwickeln kann. Um mich direkt mit der Todesangst, wie ich sie in „Angst und Fallschirmspringen” beschrieben habe, zu konfrontieren, habe ich selbst einen Tandemsprung aus einem Flugzeug gemacht. Dabei habe ich bewusst keine Technik zur Stressbewältigung angewandt, damit ich erleben kann, was diese Angst mit mir macht. Ich erzähle mal, wie ich das Ganze erlebt habe:

Der Wecker klingelt und ich stehe gut gelaunt auf. Heute ist der Tag, auf den ich mich schon lange gefreut habe. Ich werde in 4000 Metern aus einem Flugzeug springen - das muss ein geniales Gefühl sein. Freudig erregt fahre ich nach meinem Frühstück 90km zu dem Flugplatz in Schweighofen. Dort angekommen muss ich feststellen, dass noch niemand da ist. Ich bin der erste und es wird noch Stunden dauern, bis es losgeht. In meiner freudigen Erregung bin ich einfach viel zu früh losgefahren.

Nach einiger Zeit kommen kleckerweise andere Tandempassagiere auf den Platz. Ein bisschen Smalltalk und die so langsam merke ich, wie die Anspannung in mir steigt. Um ein Uhr soll es ja losgehen und es ist bereits halb eins. Von der Crew ist noch niemand zu sehen. Aber meine Anspannung steigt. Endlich ist ein Uhr - ich bin ja schon sein 10 Uhr hier, weil ich dachte, wir müssen uns ja noch vorbereiten - es sollte so langsam mal losgehen. Doch es kommt eine nette Dame und serviert erstmal Essen. Genau das, was ich jetzt nicht brauche: Suppe, Schweinebraten und Kuchen. Ich will das Ganze jetzt endlich hinter mich bringen und nicht so ein fettes Zeug essen.

Das Essen ist fertig - und meine Nerven auch schon fast. Endlich scheint es loszugehen. Die Crew kommt und holt das Flugzeug aus dem Hangar. Es geht offensichtlich los. Meine Anspannung steigt. Doch kommt jetzt erstmal eine Einweisung. Ich kann es aber nicht mehr abwarten - lasst und doch endlich das Ganze hier hinter uns bringen! In der Einweisung erklärt uns Dominique unter Anderem, wie wir aus dem Flugzeug aussteigen werden. Dieser Gedanke gefällt mir mittlerweile gar nicht mehr!

So, nun habe ich meinen Tandemmaster zugewiesen bekommen. Volker macht einen äußerst souveränen Eindruck und gibt mir das Gefühl von Geborgenheit. Wir ziehen uns beide den Overall an und quatschen ein wenig. Während dessen startet der Pilot den Motor. Adrenalin schießt sofort in meine Blutbahn. Es geht los. Auf einmal gibt es Hektik. Die Maschine rollt schon los und ich bin noch nicht mal fertig angezogen. Hektik ist das Letzte, was ich gerade gebrauchen kann. Ich renne der Maschine hinterher und steige noch schnell als Letzter in die bereits losrollende Maschine ein.

Das Flugzeug ist vollgestopft mit verrückten Menschen, die gleich in 4000 Metern Höhe aus einem Flugzeug springen. Da ich als letzter eingestiegen bin, sitze ich an der Rolltür. Eine große Rolltür, wie bei einem VW Bus. Der Motor heult auf - wir starten - mir ist schlecht. Ich schaue ständig aus dem Fenster und stelle mir dabei die Frage: „WARUM?”. Nach einiger Zeit schaue ich wieder aus dem Fenster und denke: „Scheiße ist das hoch es muss jetzt wohl losgehen!”. Genau in diesem Moment klopft mir Volker auf die Schulter und sagt:
„Schau mal aus dem Fenster, das ist die Höhe, in der wir den Schirm öffnen.”

„Den Schirm öffnen?” schreie ich innerlich. „Das heißt, dass es jetzt erst richtig nach oben geht?”. Meine Angst fängt an, mich zu übermannen. Ich versuche ruhig zu bleiben - aber mir ist schlecht. War es wirklich eine gute Idee, vorher Suppe, Schweinebraten und Kuchen zu essen?

Mein Tandemmaster stellt mir den Springer rechts neben mir vor. Es ist Peter - er wird vor uns springen. Da die Tür links neben mir ist, müssen wir ihn nachher vorbeilassen. Peter sieht mich an und fragt:
„Bist du Thomas Klüh der Autor? Kann ich ein Autogramm haben?”.
Das ist so grotesk. Das passiert mir fast nie - so bekannt bin ich ja wirklich nicht. Doch ausgerechnet hier im Flugzeug - verrückt.

Mittlerweile sind 20 Minuten vergangen - genügend Zeit um mir die Frage: „WARUM?” tausende Male gestellt zu haben. Es ist soweit. Alle werden unruhig. Wir kontrollieren unsere Gurte. Die Tür geht mit einem lauten Rollgeräusch auf. Da ich direkt an der Tür sitze und es im Flugzeug sehr eng ist, sitze ich plötzlich mit einer halben Arschbacke über einen 4000 Meter hohen Abgrund. Der Wind zerrt an mir, es herrscht ein tosender Lärm und ich blicke in einen 4000 Meter Abgrund. Das Blut stockt in meinen Adern. Das ist das unbeschreiblichste Gefühl, das ich in meinem Leben hatte. Doch ich darf ja noch nicht raus - wir müssen zuerst noch Peter springen lassen.

Peter möchte über mich steigen um an die Tür zu kommen. Er bleibt an meinen Füßen hängen und fällt kopfüber aus dem Flugzeug.
„Oh Gott, ich habe den netten Mann umgebracht!”, schießt mir durch den Kopf. Es ist wirklich verrückt, wenn jemand an dir vorbeigehen will und dabei aus dem Flugzeug fällt, ist dir in diesem Moment einfach nicht klar, dass er ja eh da raus wollte.

Nun sind wir dran. Volker und ich rutschen gemeinsam an die Kante der Ausstiegsluke. Meine Beine hängen runter. Bevor ich darüber nachdenken kann, was jetzt geschieht, nehme ich wie vorher geübt meinen Kopf in den Nacken und Volker lässt uns beide nach vorne fallen.

Und jetzt spüre ich ein unendlich großes Gefühl der Freiheit! Ich fliege. Wir sind eine ganze Minute im freien Fall. Doch es fühlt sich für mich nicht an wie fallen - ich fliege. Ich kann dieses überwältigende Glücksgefühl nicht in Worte fassen. Dies ist die intensivste Minute meines Lebens. Und ich kann sie in vollen Zügen genießen. Keine Angst, die mich einbremsen könnte. Es ist aber auch keine Freude oder Euphorie. Ich kann dieses Gefühl einfach nicht beschreiben.

Nach einer Minute öffnet sich der Schirm. Volker übergibt mir die Seile, damit ich steuern kann. Kurze Zeit später eine perfekte Landung.

Ich bin absolut stoned und glückselig und vollkommen aufgekratzt. Das muss ich auch lernen - ich werde Fallschirmspringer nehme ich mir in dieser Euphorie fest vor.

Ach da ist ja Peter in der Bar - ich habe ihn offensichtlich doch nicht umgebracht.

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