Fußball-EM und Motivation
Dienstag, den 10. Juni 2008 von Frank FäderWer mich kennt, weiß es. Das ist mal wieder meine Zeit, denn ich bin Fußballfan. Und seitdem die WM 2006 in der Tat ein ganzes Volk begeistert hat, interessiert er mich umso mehr auch noch aus der Perspektive meines Jobs.
Ich finde es z.B. immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich Mannschaften teilweise innerhalb von Sekunden spielen können. Da liegst du die ganze Zeit mit 2:0 zurück, bist demotiviert, spielst wie der sichere Verlierer und plötzlich machst du 10 Minuten vor Schluss aus heiterem Himmel noch den Anschlusstreffer. Hoffnung keimt auf, und diese Hoffnung verleiht manchmal die berühmten Flügel oder die sogenannte zweite Luft. Auf einmal rollt Angriffswelle auf Angriffswelle einer zuvor gänzlich harmlosen Mannschaft auf das Tor der Mannschaft, die bis dato wie der sichere Sieger aussah. Manchmal, natürlich nicht immer, führt diese „Auferstehung” dann noch zum Ausgleichs- oder sogar Siegestreffer.
Was hier passiert, erkläre ich mir ungefähr so: Mit dem Rückstand, spätestens mit dem 2:0, aktivieren die Spieler in ihren Köpfen Negativprogramme, wie „Hat ja doch kein Sinn.” oder „Wir sind halt nicht gut genug.” usw. Sowohl haben diese Programme die Tendenz, weitere ähnliche wenig hilfreiche Überzeugungen über die eigene Person zu aktivieren (das wissen wir aus der Neurobiologie), als natürlich auch, sich im Außen zu bestätigen. Negative Einstellung führt halt nachweislich zu schlechteren Leistungen und verminderter Kreativität. Diese Bestätigung im Außen wirkt wieder rück auf das Innen usw. Es entsteht ein Demotivationsmuster.
Fällt jetzt „zufällig” doch noch mal ein Tor, wird im wahrsten Sinne des Wortes der berühmte Motivationsschalter umgelegt. Gedanken wie „Vielleicht geht ja doch noch was.” und „Das schaffen wir noch.” bestimmen jetzt das innere Erleben und setzen ganz neue Energien frei. Die Richtung des Musters hat sich geändert; nur durch Umfokussierung der Aufmerksamkeit wird es zu einem Motivationsmuster.
Da stellt sich doch die Frage: Wie könnte es laufen, wenn die Mannschaft eine solche Motivation die ganze Zeit an den Tag legt? Hier lagen die großen Talente des Jürgen Klinsmann, und ich glaube mittlerweile auch die des Jogi Löw. Die Spieler sind in der Lage, ihre Aufmerksamkeit wieder und wieder auf ihre Fähigkeiten zu richten, auf das, was gut läuft, an sich zu glauben.
Und ähnlich wie 1954 beim Wunder von Bern, denke ich, genau das ist es, was uns Deutschen 2006 so gut tat; wir konnten und durften wieder an uns glauben.
Ebenfalls interessant:
Weitere Artikel zu den Tags: Fußball, Glauben, Motivation, Muster, Übezeugung
- “Weg von” oder “Hin zu”?
- Aufmerksamkeitsfokussierung - (K)ein leichter Weg?
- Rückfall oder Ehrenrunde?
- Von der Selbsterniedrigung zum Selbstwert
- Ein Leben nach der Geburt




Am 10. Juni 2008 um 08:17 Uhr
Also ich dagegen habe von Fußball ja überhaupt keine Ahnung, aber solange sich die Spieler vor dem Anpfiff nicht wieder: “Dieser Weg wird steinig sein”, reinziehen müssen, bin ich frohen Mutes
Am 10. Juni 2008 um 10:03 Uhr
Lieber Thomas, erstens nichts gegen Xavier Naidoo, : ), und zweitens, DOCH, gerade das ist es, worum es immer wieder geht, das ganze Leben ist ein Fußballspiel, und der Weg ist manchmal verdammt steinig und schwer. Sich das, wenn man losläuft, auch einzugestehen und die Zweifel, Sorgen und Ängste ANZUNEHMEN, kann schon sehr viel bewirken, TROTZDEM an sich zu glauben, ist das wirklich Große an der ganzen Aufgabe, und das bringt mich im Moment jeden Tag weiter. Und hoffentlich nicht nur mich, sondern auch unsere Jungs (wenn sie z.B. irgendwann gegen die Holländer ran müssen - DAS wird ein steiniger Weg!)…
Am 10. Juni 2008 um 11:40 Uhr
Liebe Andrea,
ich sehe es auf der einen Seite genauso wie du. Es geht nicht immer alles leicht und für viele Ziele lohnt es sich zu kämpfen, bzw. sich zu bemühen. Aber so ein Lied direkt vor einem Spiel halte ich für sowas von falsch!
Am 11. Juni 2008 um 21:25 Uhr
Gutes mentales Training ist bereits der halbe Sieg!
Ich denke, das war (und ist) die große Stärke von Jürgen Klinsmann und nun auch Jogi Löw … den Jungs zu verinnerlichen, dass das Spiel 90 Minuten hat und dass man aus einer vermeintlichen Niederlage auch innerhalb weniger Minuten einen Sieg machen kann.
Die Italiener wissen das anscheinend nicht (meine Beobachtung der zweiten Halbzeit beim Spiel gegen die Holländer)
…
Interessant finde ich, dass mentales Training im Sport weit verbreitet und anerkannt ist … in anderen Bereichen allerdings kaum. Ein großer Markt, den es noch zu erobern gilt
Fröhliche Grüße, Ulrike
Am 12. Juni 2008 um 08:08 Uhr
Liebe Ulrike,
da hast du absolut Recht. Aber es verbreitet sich immer mehr. Vor kurzem war ein Geschäftsmann hier, der wörtlich gesagt hatte:
“Heute gewinnt kein Sportler mehr ohne Mentaltraining. Warum soll das im Geschäftsleben anders sein?”.
Mittlerweile coache ich ihn und sein ganzes Team.
Vor Kurzem hatten wir eine Art Camp mit ca. 100 Teilnehmern (Top Manager) auf Mallorca, nächste Woche fliegen wir diesbezüglich nach Istanbul, …
Das Ganze ist zwar noch nicht sehr verbreitet, aber es geht mit großen Schritten voran!
Am 12. Juni 2008 um 10:24 Uhr
Zu Franks Beitrag hier ein Kommentar von Jürgen Klinsmann, wenn auch der Ehrlichkeit halber nicht als direktes Feedback : )…
“Interessant ist, dass jede Mannschaft, die in Führung gegangen ist, auch gewonnen hat. Das heißt: Es wird beim Fußball immer wichtiger, mit Schwung, Elan und Körpersprache auf diese Führung zu drängen, anstatt das Ergebnis zu verwalten.”.
Am 12. Juni 2008 um 11:01 Uhr
Und genau diese Körpersprache, der Schwung und der Elan wirkt wieder rück auf unser Gehirn. Das sagt sich nämlich: “Hey, wenn mir unser Körper jetzt schon einige Sekunden lang sagt, dass es uns gut geht, dann werd ich mal die entsprechenden Hormone in die Blutbahn jagen und oben drauf noch ein paar dazu passende motivierende Bilder assoziieren.” Umfokussierung der Aufmerksamkeit, durch den eigenen Körper in Gang gebracht. Menschen sind schon cool…
Am 17. Juni 2008 um 09:11 Uhr
[...] dem Beitrag Fußball-EM und Motivation führe ich im Kommentar eine kleine Diskussion über das Lied: “Dieser Weg wird kein leichter [...]