Wut, Symptome und Weisheit
Freitag, den 7. November 2008 von Frank FäderNa bei dieser “Wut-Vorlage” von Thomas gestern fühle ich mich doch unmittelbar genötigt, meinen Senf dazu zu geben.
Zunächst einmal sehe ich es genauso wie Thomas; wenn Wut (oder auch jedes andere Gefühl) da ist, dann legitimiert sie sich allein schon durch ihr Vorhandensein. Wir Menschen wären doch eine Fehlkonstruktion, wenn wir völlig grundlos irgendwelche Gefühle produzieren würden. Daraus allerdings zu folgern, dass die Wut jetzt per se rausgelassen werden muss, halte ich für eine zumindest unvollständige Schlussfolgerung.
Wut ist ein Gefühl, was dazu antreibt, die eigene Integrität zu wahren, also für sich oder nahe Angehörige einzustehen. Misslingt mir das - aus welchen Gründen auch immer - wieder und wieder, besteht die Tendenz zu Resignation und Hoffnungslosigkeit. Dennoch bleibt das tiefe Bestreben nach Integrität vorhanden, und die Wut richtet sich dann nicht selten nach innen. Ich würde nie soweit gehen, zu sagen, dass Krebs immer unterdrückte Wut ist, aber ich halte es für sinnvoll, in einem solchen Falle zumindest in Erwägung zu ziehen, sich mit diesem Thema zu befassen.
Ich gebe Thomas und Arnold “Terminator” Schwarzenegger also Recht, wenn sie sagen “Wut ist besser als Hoffnungslosigkeit”. Allerdings ist sie nur der erste Schritt, eine Art Hinweisschild der Seele und niemals Selbstzweck.
Es macht zutiefst Sinn, dem hinter diesem Gefühl steckenden Bedürfnis Raum zu geben. In unseren Strukturaufstellungen spielt die Wut, insbesondere wenn es um Körpersymptomatiken geht, häufiger eine Rolle. Es ist immer wieder bewegend zu beobachten, wie sich auch die (aufgestellte) Symptomatik in ressourcevoller Art und Weise wandelt, wenn das hinter der Wut steckende Bedürfnis erfüllt wird. Das kann z.B. die Würdigung erlebten Leids einer jüngeren Version des eigenen Selbstes sein, die Wiedereinbeziehung einer anderen Person, auf dessen Zugehörigkeit zum System man über seine Wut über lange Zeit aufmerksam gemacht hat (z.B. wenn der Tod eines Familienmitglieds “tot”geschwiegen oder ein Kollege in einer Firma ungerechtfertigt gekündigt wurde), die Rückgabe einer Last, die man für andere getragen hat oder unzählige andere Dinge. Hier geschiet Heilung, die durch das reine Ausleben von Wut niemals möglich wäre.
Sollte es dich also demnächst mal wieder packen, versuche doch einfach mal, deiner inneren Weisheit (dem Hinweisschild) zu folgen und für dich herauszufinden, welches Bedürfnis sich jetzt gerade in dir meldet. Kurzer Hinweis zum Schluss: Es kann manchmal hilfreich sein, dass erst dann zu tun, wenn die Wut wieder abgeklungen ist (was sie zum Glück ja auch immer tut).
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
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Am 8. Januar 2009 um 02:30 Uhr
Ich möchte einmal anregen, Gefühle nicht “in Schubladen” zu packen - dies ist gut - dies ist schlecht. Schon allein die Tatsache, daß infrage gestellt wird, ob ein Gefühl “rausgelassen” werden darf, finde ich äußerst fragwürdig. Wer - wie ich - lange lange Wut und ähnliche Gefühle als “nicht akzeptabel” erfahren hat, sucht eine andere Möglichkeit des Aus-Drucks - die dann durchaus zu Krankheiten …und auch …zur Selbstzerstörung führen kann.
Ich denke an eine Situation bei Freunden, die - als ich dann tatsächlich einmal meine Wut “rausgelassen” habe, Beifall geklatscht haben und an mein so wunderbares Gefühl der Er-Leicht-erung in dieser Situation. Nein, ich bin nicht der Meinung, welche Gefühle auch immer - künstlich zu “puschen”, doch es sollte IMMER erlaubt sein, seine Gefühle äußern zu dürfen - allerdings so, daß sie niemandem schaden. Und das geht, wenn ich immer dazu sage, daß es MEIN Gefühl ist und nichts mit dem anderen zu tun haben muß.
In diesem Sinne wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit, Mut und Authentizität unter- bzw. mit-einander !
Liebe Grüße
Lucie