Kopfschmerz ist kein Aspirinmangel

Kopfschmerz ist kein Aspirinmangel

Dienstag, den 19. August 2008 von Frank Fäder

In den Vorgesprächen zu meinen Coachings erlebe ich immer wieder, dass meine Klienten sich vor allem eine Frage stellen: Warum? Warum reagiere ich immer wieder auf diese Weise? Warum habe ich nur immer wieder dieses Gefühl? Warum tue ich nicht einfach das, was ich tun möchte? Warum lasse ich das, was mich stört, nicht einfach sein? So verständlich diese Frage auch sein mag, so wenig hilfreich ist sie in aller Regel.

Dieser kausalen Denkweise liegt die Vorannahme zu Grunde, dass es einen dedizierten Grund für mein Leid gibt und ich genau diesen Grund finden muss, um eben dieses Leid zu beenden. Dass dies eher zu Einschränkungen von Wahlmöglichkeiten, als zu deren Erweiterung führt, liegt auf der Hand, existierte in dieser Denkweise schließlich nur genau eine Lösung meines Problems. Das führt nicht selten zu ziemlich konfusen Schlussfolgerungen, wenn ein Problem sich durch eine Intervention löst. In der Strukturaufstellungsarbeit erleben wir zum Beispiel häufig, dass die Einbeziehung eines bisher nicht berücksichtigten Kontextes einen entscheidenden Schritt zur Lösung beiträgt.  Z.B. trug in einer kürzlich durchgeführten Aufstellung die Würdigung erlittenen Leides eines Onkels der Klientin dazu bei, dass sich eine Phobie löste. Würde man jetzt kausal denken, müsste man die Phobie als “Onkelwürdigungsmangel” bezeichnen. Dabei war dies lediglich eine von vielen möglichen Interventionsmöglichkeiten (wenngleich auch eine sehr wirkungsvolle). Steve de Shazer (Begründer der Lösungsfokussierten Therapie) fasste diese Haltung in seinem berühmten Zitat: “Kopfschmerz ist kein Aspirinmangel.” zusammen.

Erlebe ich ein Problem, bieten sich statt der Warum-Frage daher eher Fragen der folgenden Kategorie an:
Angenommen, über Nacht hätte sich mein Problem wie durch ein Wunder aufgelöst, was wäre dann stattdessen da? Woran würde ich das merken? Und woran noch? Auf welche Weise kann ich dazu beitragen, dass sich mehr von diesem “Stattdessen” in meinem Leben manifestiert?

Fragen dieser Art haben mit dem Problem an sich nichts mehr zu tun und fokussieren ausschließlich auf die Lösung. Um die Wirksamkeit einer Intervention zu erklären, bedarf es also keiner Kausalverbindung zum vorherigen Mangel. Natürlich ist die Versuchung extrem groß, diese Verbindungen herzustellen, schließlich haben wir alle von Kindesbeinen an gelernt, kausal zu denken. Wir können sie uns als kognitive Täuschungen, ähnlich optischen Täuschungen, vorstellen, die wir nicht verlernen aber dennoch berücksichtigen können.

Ich suchte früher immer nach der Lösung, und war ich dabei einen Schritt voran gekommen, fragte ich mich immer wieder, ob ich auch wirklich auf dem richtigen Weg sei. Für mich war es daher eine äußerst beruhigende und erleichternde Einsicht, dass es immer eine Vielzahl möglicher Wege und Lösungen gibt.

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